Aber ja doch. "Der Führer" war ja kein kleiner Mann mit schwacher Stimme, sondern bekanntlich ein "charismatischer" (Weber, Hildebrand), dessen Ausstrahlung deutlich über seine Statur hinausging. Veranstaltungen wie der Reichsparteitag (von denen es zahlreiche ausserhalb Nürnbergs und des Riefenstahl-Filmes gab) wirkten ja nicht nur auf ein vorgestelltes Publikum, sondern - glaubt man Zeitzeugen und anderen Quellen - auch auf die Teilnehmenden selbst. Das Ganze wurde eben nicht nur als erzwungenes Rumgestehe gesehen, es wurde wohlig erlebt: Einreihen, Exerzieren, Spatenschwingen, eine vordere Linie bilden, im Chor sprechen, sich zu einem Block fügen, Spalier bilden, Ordnungslinien abschreiten, umwogt von beigeisternden Begeisterungswellen der Nürnberger Bevölkerung usf. (Wobei allerdings, dies ein sozialgeschichtlicher Nachtrag, die Zeit nach den Vorstellungen oftmals zum gemeinsamen Betrinken und anderen nicht-formativen Aktionen genutzt wurde). Heutzutage geht das alles natürlich nicht mehr. Man muss also Riefenstahl sehen. Schwacher Ersatz: Zapfenstreich und Synchronschwimmen.
Freitag, August 30, 2002
Donnerstag, August 29, 2002
Gibt es die formative[] Massenästhetik des Nationalsozialismus außerhalb künstlerischer Produkte (im weiteren Sinne)? Ein Merkmal von Triumph des Willens ist, dass der Film strammes Rumgestehe in einer sehr großen Gruppe anscheinend beeindruckend oder gar verführerisch macht. Auf einem riesigen Feld zu stehen und vorne einen kleinen Mann nicht zu sehen und -- dank Verstärkung -- ggf schwach zu hören, ist für sich keine tolle Sache. Leuten dabei zuzusehen, eigentlich auch nicht.
Riefenstahl-Pluralismus
Pluralismus ist eine Frage der Platzierung. Ca. 6 Tage vor dem am 22.08.2002 zelebrierten 100. Geburtstag durfte der Mann fürs Polemische bei der "Süddeutschen Zeitung" (Willi W.) im Wochenendmagazin einen Text zum politischen Opportunismus der Leni R. schreiben. 3-4 Tage später fand sich das Thema dann auf der Seite 3 wieder, wo ein erkennbar ambivalenter Autor zwar die "dunklen Seiten" in Riefenstahls Karriere beleuchtete (insbesondere die zuletzt wieder öffentlich gemachte Deportation von Sinti und Roma, die sie 1942 als Komparsen für ihren Film "Tiefland" zwangsrekrutiert hatte), aber auch die "Faschismus-Vorwürfe" gegen Reifenstahl abkanzelt. Am 22.8. schliesslich vollendete der Leitartikel im Feuilleton die Reihe: Fritz G. konzediert der R. unpolitische Haltung oder auch politische Naivität und nimmt sie gegen den Vorwurf faschismus-affiner Kunst in Schutz, betont die ästhetischen und produktionstechnischen Impulse hinter R.'s Werk und würdigt "Tempo, Technik, Choreografie, Ästhetik der absoluten Schönheit".
Abgesehen von der fragwürdigen Position G.'s ist an dem Artikel interessant, dass er kaum Belege anführt für die "künstlerische Bedeutung" von Riefenstahls Werk, sondern sie - wie dies meistens getan wird - einfach behauptet. Es gibt keine Analyse, sondern nur die üblichen Referenzen an andere Künstler und Autoritäten, die Riefenstahls Werk beeindruckend oder verführerisch fanden: bei G. Bunuel, Cocteau, Clair.
Eigenes Urteil? Guckt man sich "Triumph des Willens" wirklich selbst mal an, so wird man vor allem müde. Die ästhetische Kraft oder cinematographische Innovativität, die allseits behauptet wird, erschliesst sich einem nicht. Es gibt ein paar nette optische Tricks, kaum einfallsreiche Montagen, Genreeinlagen aus Folklorefilmen, verkitschte, pathetische Menschenbilder, Reihen von Führerporträts, Reihen von Menschenreihen, Reihungen um Reihungen, ein höchst redundantes Sammelsurium unorigineller Einfälle; auch für das damalige Filmschaffen keineswegs sensationell. Wer das auch heute noch erschreckend faszinierend findet, findet Faszination nicht in den "raffinierten" filmischen Mitteln der R., sondern schlichtweg in der formativen Massenästhetik des Nationalsozialismus selbst. Die Rede von der "grossen Künstlerin" Riefenstahl entlarvt sich stets als Regression.
Eine - durchaus kritische - Bestandsaufnahme der Riefenstahl-Rezeption nach 1945 versucht das Projekt einer Filmwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum. Die zugehörige Website ist leider noch im Aufbau.
Pluralismus ist eine Frage der Platzierung. Ca. 6 Tage vor dem am 22.08.2002 zelebrierten 100. Geburtstag durfte der Mann fürs Polemische bei der "Süddeutschen Zeitung" (Willi W.) im Wochenendmagazin einen Text zum politischen Opportunismus der Leni R. schreiben. 3-4 Tage später fand sich das Thema dann auf der Seite 3 wieder, wo ein erkennbar ambivalenter Autor zwar die "dunklen Seiten" in Riefenstahls Karriere beleuchtete (insbesondere die zuletzt wieder öffentlich gemachte Deportation von Sinti und Roma, die sie 1942 als Komparsen für ihren Film "Tiefland" zwangsrekrutiert hatte), aber auch die "Faschismus-Vorwürfe" gegen Reifenstahl abkanzelt. Am 22.8. schliesslich vollendete der Leitartikel im Feuilleton die Reihe: Fritz G. konzediert der R. unpolitische Haltung oder auch politische Naivität und nimmt sie gegen den Vorwurf faschismus-affiner Kunst in Schutz, betont die ästhetischen und produktionstechnischen Impulse hinter R.'s Werk und würdigt "Tempo, Technik, Choreografie, Ästhetik der absoluten Schönheit".
Abgesehen von der fragwürdigen Position G.'s ist an dem Artikel interessant, dass er kaum Belege anführt für die "künstlerische Bedeutung" von Riefenstahls Werk, sondern sie - wie dies meistens getan wird - einfach behauptet. Es gibt keine Analyse, sondern nur die üblichen Referenzen an andere Künstler und Autoritäten, die Riefenstahls Werk beeindruckend oder verführerisch fanden: bei G. Bunuel, Cocteau, Clair.
Eigenes Urteil? Guckt man sich "Triumph des Willens" wirklich selbst mal an, so wird man vor allem müde. Die ästhetische Kraft oder cinematographische Innovativität, die allseits behauptet wird, erschliesst sich einem nicht. Es gibt ein paar nette optische Tricks, kaum einfallsreiche Montagen, Genreeinlagen aus Folklorefilmen, verkitschte, pathetische Menschenbilder, Reihen von Führerporträts, Reihen von Menschenreihen, Reihungen um Reihungen, ein höchst redundantes Sammelsurium unorigineller Einfälle; auch für das damalige Filmschaffen keineswegs sensationell. Wer das auch heute noch erschreckend faszinierend findet, findet Faszination nicht in den "raffinierten" filmischen Mitteln der R., sondern schlichtweg in der formativen Massenästhetik des Nationalsozialismus selbst. Die Rede von der "grossen Künstlerin" Riefenstahl entlarvt sich stets als Regression.
Eine - durchaus kritische - Bestandsaufnahme der Riefenstahl-Rezeption nach 1945 versucht das Projekt einer Filmwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum. Die zugehörige Website ist leider noch im Aufbau.
Dienstag, August 27, 2002
Als Nachtrag auf des tlr's Kulturteilgymnastik und anschließende Meldungen bezüglich der Einstellung von jetzt etc sei auf die Trend-, Jugend-, Tempo-Beilage der NZZ verwiesen. Sie besteht im NZZ-Folio aus einer kurzen Meldung, ansonsten ist sie im Web zu konsumieren: www.wahnsinnzz.com. DAS ES SOWAS WIEDER GIBT!
Montag, August 26, 2002
hap hat sich drei Ausstellungen angeguckt, und ihre Reaktionen auf das Ausgestellte: die Korrespondenz 022 (26.08.2002) ``Good Clean Grief: Balkan und 11.September'' ist erschienen.
